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Die Schwiegermutter besuchte die Mecklenburger Seenplatte. Mit der Deutschen Bahn setzt sie ihre Besuchsreise fort, dazu hat sie sich den ICE 2373 nach Karlsruhe Abfahrt Bützow 10.46 Uhr auserkoren. Mit Bahncart und per 1. Klasse. Ich fahre die alte Dame von meinem Landsitz aus der Pampa zu dem Bahnhof dieser Gegend.
Der ICE von Stralsund nach Karlsruhe kommt pünktlich. Laut ausgehängtem Plan der Waggonfolge stehen wir auch nahezu direkt vor dem einzigen Waggon der 1. Klasse. Mutter steigt ein, ich hieve den Koffer mit den zwei Rädern unten dran, ihr hinterher. Das fahrbare Gepäck und ich folgen der Verreisenden. Das erste und zweite Abteil sagt ihr nicht so zu, im dritten beschließt sie, für diese Bahnfahrt sesshaft zu werden. "Soll ich Dein Köfferchen in's Gepäcknetz hieven"? Mit "nein bloss nicht, den krieg ich da ja nicht wieder runter," verzichtet Muttern. "Also gute Reise, komm gut an, danke für Deinen Besuch, bleib gesund". Ich schließe die Schiebetür des Abteils. Als ich am Ausstieg ankomme, macht diese Tür das gleiche. Ich renne über die Blechplatte in den anderen Wagen, rammle dort an der Tür, die bewegt sich auch nicht. Wohl aber der Zug. Mutter begrüsst mich wieder…. voller Entsetzen, die anderen Fahrgäste mit Schmunzeln. Alles sehr noble Leute verreisen hier per 1. Klasse. Die ältere Dame mir gegenüber trägt eine rosafarbene "Wolfskin"-Jacke in Fleece. Ich nur ein verwaschenes T-Shirt. Dennoch fange ich schon an zu schwitzen. Mir ist sehr unwohl zwischen den ganzen Schönen und Reichen in dem gut beheizten Abteil. Sitze ich doch hier so schlumpig, wie ich auf meiner Ranch in den Outbacks die Rosen verschneide. In Schlappen und nicht mehr ganz sterilen weissen Socken und meiner fransigen Jeans. Wollte Muttern ja nur in Bützow in den ICE reinschieben.
Die Schaffnerin kommt. Sie trägt ihr rotes Halstüchlein sehr adrett und ist eine ganz nette. Ich entschuldige den Nichtbesitz meines Fahrausweises. "Ich habe doch nicht geahnt, dass Sie hier schon nach drei Minuten wieder abzischen" erkläre ich mein Vorhandensein. "Junger Mann (ich fühle mich geschmeichelt) wir halten hier eine Minute!" "Mmmm, das habe ich zu spät auch bemerkt" entschuldige ich mich fortgesetzt. "Ich kann nicht erkennen, wer hier mitfahren will oder nur Begleitung darstellt, auch nicht am Outfit", erläutert mir die Zugführerin, der inzwischen auch aufgefallen ist, dass ich mich von den übrigen Fahrgästen diesbezüglich etwas abhebe. Meine Schwiegermutter hat schon Ihre geöffnete Geldkatze parat und will alles nebst Zuschlägen und Strafgebühren begleichen. Ausser bei Herrn Mehdorn ist bei den Bediensteten der DB die Nettigkeit ausgebrochen. Ich werde Erster Klasse kostenlos bis Bad Kleinen mitgenommen. Allerdings steht das Unternehmen nun schon 40 Minuten auf freier, zu sanierender Strecke. Schon zum zweiten Mal nach der Wende, wegen vorangegangenem Pfusch, erläutert mir die Zugbegleiterin. Das gibt ihr die Muse, sich mit mir, als ihrem seltsamen Fahrgast zu unterhalten: "Ein ähnliches Schicksal wie mir, widerfuhr der Toilettenfrau von Leipzig. Die ist lt. Aussenseiter-Spitzenreiter die amtierende Weltmeisterin in: Komme gleich wieder! Kennen sie dieses Ereignis" frage ich die Deutsche Bundesbahn. Sie kennt nicht, aber zeigt sich interessiert: "In dem Leipziger Sackbahnhof läuft die Reichsbahn ein. Die diensthabende Toilettenfrau hängt ihr handgemaltes Schild an die Klinke - Komme gleich wieder -, rafft ihre Kittelschürze und legt im MITROPA-Kantinenwagen ihr charmantestes Lächeln auf, weil sie für'n Jungen sechs Flaschen Radeberger Bier ergattern möchte. Als sie sie hat, fährt der Zug los. Mit der Frau und ihren Bierflaschen nach Magdeburg. Solcherart wird sie die DDR-Meisterin in - Komme gleich wieder!" Auf ihrem Computer erkundigt sich die Schaffnerin zu einer Rückführung von Bad Kleinen nach Bützow. Der dämliche Fahrkartenautomat ist sehr wählerisch und nimmt nur selektive Zahlungsmittel. Auf diesem Bahnhof, mit sehr ländlichem Charakter, herrscht völlige Personalfreiheit. Der Regio kommt pünktlich und benötigt nur die halbe Fahrzeit, die der ICE für die Herfahrt verbrauchte. Zum Glück kamen die Hostessen an meinem geparkten Auto in Bützow zu spät!
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