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Ein Handzettel für qualifiziertes Jammern
Nach einer bisher nicht signifikant zu erkennenden Jahreszeit ist nun Ende Januar auch an der Ostseeküste eine frisch eingetroffen. Ein kalendermässiger Winter hat sich eingefunden.
Den Sensationsjournalisten wachsen Flügel. Ordentlich stöhnen hat die Berichterstatterin beim Studium des Journalismus schon beim Bafögbescheid gelernt und in den Vorlesungen u. a. auch, wie fachgerecht ein paar lumpige Frostgrade im Winter zur echten Sensation hoch dramatisiert werden. Im Sommer wird dann ab 26 Grad im Plus die gleiche Dramaturgie abgespult! Nur Sensationen, Chaos, Mord und Todschlag bringen journalistisch richtig Punkte.
Die junge Berichterstatterin des NDR stöhnt bei -6° C über die eisige sibirische klirrende Kälte. Kachelmanns Wetterprophet auf Hiddensee sagt nüchtern und realistisch Ostwind und evt. demnächst -20° C voraus. Das wäre Winter! Aber um die Dramaturgie zu steigern, erfanden Sensations-Meteorologen und Reporter die "gefühlten" Temperaturen. Minus 50 Grad fühlen wir dann auf der Haut, konstatiert Gunter Tiersch. Das ist verwertbar, das erzeugt Sensäschn und erregt Aufsehen.
Deutschland in eisiger Umklammerung, klirrende sibirische Eiseskälte! Wau! Es findet lediglich eine artgerechte Jahreszeit statt. Was sind wir doch harte Schweine, dass überhaupt zu überleben!
Ich habe in der Murmansker Polarnacht bei 36 Grad im Minus auf dem Mast das Radar-Antennengetriebe repariert. Gefühlte minus 80° C und so und alles, oder wie? Ziemlich kalt war das schon! An der Pier steht von morgens bis abends die Staubkönigin an den Bedienhebeln ihres Apatitschütters. In Chapka, Wattejacke, Fusslappen und Walenkies, den russischen Filzstiefeln. Auch bei 40 Minus haut dem Mädel keiner anerkennend auf die Schultern. Das würde nur die Staubwolke um sie herum vergrössern.
Welches Vokabularium würde denn die bei -6° Grad in Daunen und Goretex zugemummelte Berichterstatterin in ihr befelltes Mikrofon hüsteln, wenn sie im jakutischen Oimjakon von -70° C und in Alaska am Prospekt Creek von -60° C berichten müsste. Würde sie dann den wetterharten Eingeborenen dort etwa 160 gefühlte Minusgrade unter den Troyer jubeln? In Fairbanks, Chicken oder Dawson leben zufriedene Menschen. Mehrere Alaskaner haben mir dort, von mir bewusst auf eben ihren harten Winter befragt, unisono ihre absolute Zufriedenheit bestätigt. Als ich die Insulaner auf dem Südsee-Inselparadies Rarotonga nach ihrer Glückseligkeit befragte, kam da wesentlich weniger rüber, trotz ewigen Frühlings.
Aber über ihre Temperaturen stöhnen so pathetisch weder die Alaskaner, die Südseeinsulaner, die Murmansker oder die Jakuten. Nur germanische Weicheier jammern im Sommer ab 25 Plus und im Winter ab drei Grad im Minus. Unsere Mediziner propagieren dann Überlebensstrategien und warnen jetzt die Gepiercten vor dem Festfrieren ihres metallischen Nasenrings.
Beim Einjustieren der Temperaturen für unser gemässigtes Klima wird Petrus hier wohl am heftigsten ausgemeckert.
Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass unsere Landwirte über zu kalt, zu warm, zu nass oder zu trocken barmen. Weil die Rekordernte vom vorigen Jahr, dieses Jahr nicht übertroffen wird. Subventionen aus Brüssel sind unumgänglich!
Die Preise für landwirtschaftliche Produkte sind im Keller! Die Milchbauern beklagen, dass Mineralwasser teurer als Milch ist und von den Quellwasser-in-die-Flasche-Füllern, hörte ich: Der Preiskampf ist enorm, die Preise für Mineralwasser sind im Keller! Schweinehalter und Brathändelproduzenten können der Sozialhilfe nur entkommen, wenn sie zigtausende bedauernswerte Viecher zusammenpferchen und mit Nahrungsergänzungsmitteln medikamentös grosszügig unterfüttern. Der Bio-fanatische Verbraucher jammert, dass ihm somit nur noch belastete Nahrungsmittel feilgeboten werden. Die Politiker und Bosse der 400 Krankenkassen bejammern die "Rentnerschwemme". Obwohl den Methusalems nur kontaminierte Nahrung gereicht wird, werden die immer älter und belasten mit diesem ungebührlichen Verhalten unnötig den Staatshaushalt.
Aber auch ihre Enkelchen sind übel dran. Deren Muttis finden es völlig unmöglich, dass vor den Schulen morgens der Verkehrsraum nicht ausreicht, um die Sprösslinge vor dem Eingangsportal aus dem Fonds des Zweitwagens zu heben. Die lieben Kleinen meckern über das Schulessen. Bouletten mit Kartoffelbrei und Möhren-Gemüse! Wer soll das essen!? In vielen Schulen fehlt ein Schulpsychologe. Daher blutet auf dem Schulhof so oft mal eine Nase! Den muslimischen Mitschülern fehlt in der grossen Pause ein Gebetsraum mit Blick nach Mekka. Wahrlich beklagenswerte Zustände!? Im Fernsehen bejammert eine adipöse, arbeitslose, schwangere Alleinerzieherin, dass Tabea und Kevin aus finanziellen Gründen nicht an der Klassenfahrt nach Spanien teilnehmen können. Den Satz muss sie unterbrechen, zur Fertigstellung benötigt sie einen Schluck und einen Zug aus der Zigarette.
Der TÜV beklagt, dass auf Deutschlands Strassen unwahrscheinlich viele Schrottautos unterwegs wären. Liebend gern würden die unsere gepflegten Fahrzeuge in ihren Wirkungsstätten halbjährlich für 100 € ordentlich verbiegen.
Auch unterbezahlte Fluglotsen, Banker und Metaller erregen in ständiger Wiederkehr bei ihren verbissenen Lohnkämpfen unser tiefes Mitgefühl. "Die Lage ist unerträglich" hört man dann gelegentlich von Gewerkschaften und Betriebsräten. Bei beidseitigen Jahresgehältern von 80.000 €.
Unbestritten ist Deutschland wahrlich kein Land der allgemeinen Glückseligkeit, das einen hohen Prozentsatz wirklich bejammernswerter Landsleute recht und schlecht beherbergt. Nur tragen die meist ihre Bürde oft tapfer und stillschweigend.
So mancher deutsche Weltmeister im profimässigen Stöhnen und Jammern, dessen Situation angeblich "unerträglich" ist, würden damit so manchen richtig notleidenden Erdenbürger in einen wahren Glücksrausch versetzen.
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